Bild: Rochus Aust
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Rochus Aust über das Morgen

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Am 4. April wird Rochus Aust mit ” Fanfara futurista”, Quadraphonen und einer Komposition die Quadriennale Düsseldorf 2014 eröffnen. Die eigens dafür entstandenen Instrumente werden von den Dächern der teilnehmenden Museen und Ausstellungshäusern erklingen und das Festival einläuten. Neben Harry Walter, der Texte für den Katalog zur Quadriennale Düsseldorf verfasst hat, lassen wir auch Rochus Aust mit mit einem gedankengeladenen Text zu Wort kommen.

Rochus Aust über das Morgen

Die schlechte Nachricht: Wir sind schon das Morgen von Gestern, wir sind die Zukunft der Vergangenheit. Noch viel schlimmer: wir sind nicht, sondern wir waren die Utopie unserer Eltern. Die Vision war stark, allein die Zeit war schwach. Ernüchternd, wenn man es genau betrachtet. Erschütternd, wenn man ganz ehrlich ist. Dennoch: es hätte auch viel schlimmer kommen können, was immerhin etwas Motivation übrig lässt. Aber fangen wir von Vorne an. Es gibt weder ein Heute, noch ein Jetzt, auch wenn die Praxis etwas anderes behauptet. Jetzt und Heute sind Propagandainstrumente einer erbarmungslosen Gesellschaft, die sich nicht eingestehen will oder kann, dass ihre Haupterrungenschaft, die Uhr und mit ihr die Einteilung der Zeit, einer völligen Fehlinterpretation unterliegt. Dabei zeigt die Uhr doch mit jeder fortschreitenden Sekunde, dass ein Jetzt nicht vorgesehen ist! Sie weiß genau, aus wie viel Vergangenheit und Zukunft das „Heute“ noch (oder schon) besteht.


Haben Sie sich schon einmal auf Jetzt verabredet? Denken Sie nach. Sie waren gestern verabredet,
mussten es aber auf Morgen verschieben. Und warum? Weil Ihr Jetzt niemals das Jetzt Ihrer Verabredung ist und umgekehrt, es sei denn, Sie stehen gerade eng umschlungen unter einem Mistelzweig aber was hätte eine Jetztverabredung dann für einen Sinn?
Bestenfalls sind das Heute und das Jetzt zeitlich minimalistische Transitorte, deren Relevanz in der
Überspringung und/oder in einer gewissen Historienqualität liegt. Nun müssen wir nur das GesternMorgenKontinuum ein wenig ausdehnen, um mit herausgenommener Geschwindigkeit einen klaren Kopf zu behalten: denken wir also über das Morgen hinaus. Das hat zwei Vorteile. Wir bekommen etwas Ruhe beim Denken und das Morgen des Morgen ist trotzdem gar nicht soweit weg.

FANFARA FUTURISTA und FANFARA MECCANICA FUTURISTA
Die gute Nachricht: der Einsturz der Mauern von Jericho durch Blasinstrumente, seien es Posaunen oder Trompeten wie in der Bibel* beschrieben, ist archäologisch klar widerlegt. Somit besteht wohl auch kaum eine Gefahr durch neueste Quadraphone**. Auch nicht, wenn es viele sind und auch nicht, wenn Sie von den Dächern blasen. Umso weniger, wenn Sie klein sind und wie Pilze aus dem Boden*** wachsen. Denn auch da kannte sich Jericho als tiefstgelegene Stadt der Welt**** gut aus. Doch was kann passieren, wenn sich archaisch-rituelles Verhalten mit modernster Technik paart, wenn politischer Pomp auf rationales Denken stößt, wenn die Götter des Himmels und der Unterwelt gleichsam bemüht werden? Im Gemeinsamen liegt der Schlüssel. Denn die Fanfara bezeichnet nicht etwa ein zeremonielles Musikstück (Fanfare) oder gar ein Instrument (Fanfare), sondern meint im italienischen die Banda, das Ensemble, die zusammenspielende Gruppe. Jetzt denken wir die Gruppe nicht vornehmlich als Menschen, sondern als Ideen, Strömungen, Wünsche, Ereignisse und wissen: das kann dann passieren.

Die zweite gute Nachricht: die FANFARA (MECCANICA) FUTURISTA ist ein minimalistischer Transitort: was Sie am Abend gehört hatten, wird mit Sicherheit am Abend gespielt werden, was Sie am Abend gesehen hatten, wird mit Sicherheit am Abend gezeigt werden. Und das eine ganze Weile. Sie müssen nur genau hinhören und genau hinsehen. Dennoch werden die Uhren nicht stehen bleiben und das obwohl die Häuser Jerichos schon im 5. Jahrtausend v. Chr. quadratische Grundrisse aufwiesen.

FRAGEN
Waren Sie eher die Utopie oder eher ein Experiment Ihrer Eltern?
Wie groß war Ihr erster einzelner Fortschritt?
Lassen Sie Nachts immer noch das Licht an?
Wollten Sie irgendwann einmal Feuerwehrmann werden?
Wie viel Gier steckt in Ihrer Neugier?
Was bricht zuerst bei Ihrem Aufbruch?
Stehen Sie manchmal mit dem Rücken zur Verwandlung?
Kaufen Sie bei der Hinfahrt schon das Ticket für den Rückzug?
Kommen Sie in den Himmel, obwohl Sie voraussichtlich in der Erde vergraben werden?
Was hätten Sie übermorgen gerne getan, das Sie dann morgen dringend tun sollten?

*Altes Testament, Buch Josua 6, 4-20
**11 überdimensionale Quadraphone werden von 11 Gebäuden gespielt
***35 Miniquadraphone wachsen selbstspielend aus Kanalschächten im öffentlichen Raum
****Jericho liegt 250m unter dem Meeresspiegel

Am 4. April wird um 18.50 Uhr auf den Dächern von elf Ausstellungsorten die FANFARA FUTURISTA erklingen, die der Künstler exklusiv für die Quadriennale Düsseldorf komponiert hat und mit dem 1. Deutschen Stromorchester einspielt. Zusätzlich wird die Komposition über 35 Mini-Quadraphone zu hören sein, die Aust in Kanalschächten der Stadt installiert hat. Anschließend öffnen alle Ausstellungen bei freiem Eintritt von 19.00 bis 22.00 Uhr und laden die Besucher in die Zukunft ein. Ab 22.00 Uhr klingt der Eröffnungsabend auf der Party im NRW-Forum Düsseldorf aus.

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