Alwin Lay, Installation view - Duesseldorfer Kunstverein, courtesy of the artist and Natalia Hug Gallery, Foto: The artist and Natalia Hug Gallery
Alwin Lay, Installation view - Duesseldorfer Kunstverein, courtesy of the artist and Natalia Hug Gallery, Foto: The artist and Natalia Hug Gallery

Materialität: 1985 versus 2014

Beitrag vom | Tags: | Tags: #Fortschritt #Kunstverein #LesImmateriaux

Vor 29 Jahren war ein klobiger Audioguide eine Sensation und Fotografien wurden auf Papier abgezogen – und wie sieht es heute aus? Das zeigt die Ausstellung Zum Beispiel „Les Immatériaux“.

Paris 1985, Centre Pompidou: Die Ausstellung „Les Immatériaux“ macht Furore. Sie dreht sich um Fragen der Materialität und Immaterialität, insbesondere in Hinblick auf das angebrochene digitale Zeitalter. Das Kuratoren-Team um den französischen Philosophen Jean- François Lyotard zeigt und nutzt im Ausstellungsparcours im Centre Pompidou unterschiedliche Exponate: Computer, Gerüche, Kunstwerke, Musikvideos und vieles mehr aus den Bereichen Technologie, Wissenschaft und Kunst.

Düsseldorf 2014, Kunstverein: Mit Architekturplänen, Schriftverkehr, historischen Kunstwerken und Musik-Clips wird die damalige Ausstellung präsent. Neben dokumentarischem Archivmaterial ist auch die fortschrittlichste Technik von 1985 zu sehen. Ein Audio-System, das erst kurz zuvor von der Firma Philipps auf den Markt gebracht wurde, stattete jeden Besucher der Ausstellung aus. Der Kopfhörer mit Sendestation fungierte jedoch nicht wie ein heute gängiger Audioguide mit gesprochenen Erklärungen, sondern versammelte in einer Soundcollage Texte verschiedener Autoren zum Thema. Steht man heute im Kunstverein vor der 1985 als kabellos-revolutionär geltenden Apparatur, kann man in Anbetracht heutiger Sound-Systeme nur schmunzeln.

Ausstellungsansicht Zum Beispiel „Les Immatériaux“, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, 2014, Courtesy Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, Links:  Alwin Lay, Untitled Dia-Sec (Kodak Endura-S), 2013 Diasec-Objekt, Aluminium, 30 x 25 x 37 cm. ed. 2 , und Untitled Dia-Sec (Fuji Crystal Archive), 2013, Diasec-Objekt, Aluminium, 30 x 25 x 37 cm. ed. 2, beides auf einem Tisch präsentiert

Ausstellungsansicht Zum Beispiel „Les Immatériaux“, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, 2014, Courtesy Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, Links: Alwin Lay, Untitled Dia-Sec (Kodak Endura-S), 2013 Diasec-Objekt, Aluminium, 30 x 25 x 37 cm. ed. 2 , und Untitled Dia-Sec (Fuji Crystal Archive), 2013, Diasec-Objekt, Aluminium, 30 x 25 x 37 cm. ed. 2, beides auf einem Tisch präsentiert

1985 wurden Kunstwerke von Andy Warhol, Yves Klein und Giovanni Anselmo integriert, dessen Werk “Invisible” im Kunstverein wieder zu sehen ist. 2014 verortet die Ausstellung das Thema von Materialität und Immaterialität zudem durch zeitgenössische Kunstwerke.

So setzt sich der Künstler Alwin Lay mit der Materialität von Fotografie auseinander: Wie eine Fliege in Bernstein eingeschlossen und für die Ewigkeit konserviert, versiegelt er zwei Fotoabzüge mit einer überdimensionalen Acrylglasschicht. Das Dia Sec-Verfahren, das mit einer transparenten Versiegelung Fotografien schützt und veredelt, wird hier zu einem massigen Körper.

In beiden Blöcken erkennt man am Boden das gleiche Foto, das einen Schnitt mit einem Cutter-Messer zeigt. Die beiden Abzüge erscheinen jedoch in unterschiedlichen, dezenten Einfärbungen. Grund dafür ist die Verwendung von unterschiedlich beschichtetem Fotopapier, das Auswirkungen auf die Farbwiedergabe hat. So erscheint die Fotografie auf Kodak Endura-S-Fotopapier in einem Braun-Stich und der Abzug auf Fuji Crystal Archive-Fotopapier in einem Blau-Stich.

Alwin Lay, Installation view - Duesseldorfer Kunstverein, courtesy of the artist and Natalia Hug Gallery, Foto: The artist and Natalia Hug Gallery

Alwin Lay, Installation view – Duesseldorfer Kunstverein, courtesy of the artist and Natalia Hug Gallery, Foto: The artist and Natalia Hug Gallery

Dieses Phänomen betont den materiellen Charakter, der Fotografien durch Abzüge auf Papier eingeschrieben ist und nach und nach mit der Einstellung der Produktion von Fotopapier verschwindet. Der technische Fortschritt ermöglichte es, Fotografien auf verschiedenen Endgeräten zu betrachten. Von Computerbildschirm zu Computerbildschirm und von Smartphone zu Smartphone wandern fotografische Aufnahmen, ohne je entwickelt oder ausgedruckt zu werden. Nahezu immateriell zirkulieren fotografische Aufnahmen im binären Code von Nullen und Einsen ohne je in ein Fotoalbum geklebt zu werden.

Hatte das Material vor allem Einfluss auf die farbliche und ästhetische Erscheinung der Fotografie, verändert die Immaterialität vor allem die Verfügbarkeit, Verbreitung und Nutzung von fotografischen Aufnahmen. Die Auswirkungen zeigen sich in neu entstandenen Kommunikationsstrukturen, die mehr auf Schnappschüsse als auf Wort und Text setzen, und in Debatten um Urheber- und Abbildungsrechte.

Nur wenige Schritte weiter in der gegenüberliegenden Ausstellung der Kunsthalle trifft man auf künstlerische Videos, Internet-Projekte und Installationen, die das Fortschrittdenken und aktuelle Informationsstrukturen im digitalen Zeitalter verhandeln.